Gesund sitzen

Ist auf dem Boden sitzen gesund? 
Wie eine 6000 km Reise und ein Naturvolk neue Erkenntnisse über Erkrankungen im Zusammenhang mit  unseren Sitzgewohnheiten bringen.

Inhalt

  1. Einleitung
  2. Seine Erkrankung als Auslöser für die Expedition
  3. Die Expedition nach Äthiopien
  4. Ergebnis: Sitzen ist noch schädlicher als Rauchen
  5. Mein Interview mit Dr. Oswald
  6. Zusammenfassung

Einleitung: Wie beeinflusst die Art zu Sitzen unsere Gesundheit?

Auf dem Boden sitzen gesund
Auf meiner Suche nach Antworten habe ich Dr. Martin Oswald kennen gelernt.
Der Focus hat bereits über ihn berichtet und bei SWR1 und Sat1 war er im Fernsehen zu sehen. Selber sitzt er bereits seit 20 Jahren auf dem Boden und forscht zum Thema "Sitzen" seit mehreren Jahren. 
Weil mich das Thema sehr interessiert, habe ihn um ein Interview gebeten und zu meiner Freude hat er zugestimmt.
Warum nicht per se sitzen ungesund ist, wieso ein Chirurg 5000 km flog wegen Hämorrhoide,  wie man auf dem Boden sitzen lernt und warum es gesünder ist am Schreibtisch stehend zu arbeiten erfahrt ihr in diesem Artikel.
Doch zunächst habe ich die Informationen aus seinen Auftritten zusammengefasst.
Mein Interview mit ihm ist im Anschluss zu finden.

Seine Erkrankung als Auslöser für die Expedition

Gesundheit
Dr. Oswald ist als Arzt in Augsburg tätig und hat sich auf Venen- und Darmerkrankungen spezialisiert, genauer gesagt der Phlebologie (Gefäßerkrankungen), Proktologie (Erkrankung des Enddarms und Analkanals) und Chirurgie. In seiner eigenen Praxis hat er zahlreiche Erkrankungen erlebt und sehr wertvolle Zusammenhänge zu unseren Sitzgewohnheiten erkannt.
Er sieht das Sitzen auf Stühlen als Gift für unseren Körper an, welches auch nicht durch andere Bewegungsabläufe (Gehen, Sport, Yoga, ...) kompensiert werden könne.¹
Sprich, nicht allgemein ist Sitzen ungesund, sondern das Sitzen auf Stühlen ist ungesund.
Auslöser für seine Forschung für den beruflich engagierten Arzt war das Einsetzen von Hämorriden Ende der 90ger Jahre, welche am Ende solche Beschwerden verursachten, dass er zwischen Operation oder einer Veränderung in seinen Gewohnheiten wählen konnte. Noch konnte er nicht wissen, welche weitreichenden Veränderungen seine Entscheidung haben würden und das sie ihn auf eine 5'000 km weite Reise führen würden.
(Bild: online-marketing-hIgeoQjS_iE-unsplash)

Die Expedition nach Äthiopien 

Äthiopien
Um seine Vermutung zu Bestätigen, machte er sich 2000 ganz allein auf eine Expedition nach Äthiopien, um dort Ureinwohner endoskopisch per Hand und Ultraschall zu untersuchen. Er kehrte seitdem immer wieder nach Äthiopien zurück, um sich wieder zu erinnern, wie ein gesunder Körper aussieht.
Dort sitzen die Einheimischen traditionell auf dem Boden: kauernd, hockend oder liegend.
Er konnte dort mehr Muskulatur, Stärke, Stabilität, "Richtigkeit", und "Lebendigkeit" fühlen, als es bei seinen Patienten hier der Fall ist. Ebenfalls konnte er dort keine Krampfader oder Hämorrhoiden vorfinden, selbst nicht bei Älteren und Frauen die mehrere Kinder geboren hatten, was normalerweise als hohes Risiko für diese Erkrankungen gilt.³
Im Gegensatz zu uns litten die Menschen dort auch nicht unter Krebs in im Enddarm, Geburtshindernissen, hohem Blutdruck, sie brauchten keinen Urologen/Gynäkologen und auch keinen Arzt von seinem Fachgebiet.
(Bild: ian-macharia-7k91OUDYAQ0-unsplash)

Das Ergebnis: "Sitzen ist noch schädlicher als Rauchen"

Zigarette
Herr Dr. Oswald ist fest überzeugt, dass das Sitzen auf Stühlen/Couch die Haltung des menschlichen Körpers dauerhaft statisch verändert. Die Positionen der Körperteile stimme nicht mehr zueinander. Erste Anzeichen können Rückenschmerzen (bereits Volkskrankheit) sein, gefolgt von Hämorrhoiden, dem prämenstruelles Syndrom („körperliche und emotionale Beschwerden im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus"²), bis hin zu degenerativen Krankheiten, Blinddarmentzündungen, Migräne, Gallenblasenentzündungen und Krebserkrankungen im Enddarm (auch Prostata).
„Demnach schade jede Stunde Sitzen der Gesundheit, wer mehrere Stunden pro Tag sitzt, verkürze seine Lebenszeit deutlich. „Ich bin sogar davon überzeugt, dass Sitzen noch schädlicher als Rauchen und Alkohol ist“, stellt Martin Oswald fest. Es mache schwer krank."³ 
Als Ursache habe ich (Sebastian Both) folgende Gründe verstanden. Beim Sitzen auf Stühlen/Couch wird:
  • der Körper gestützt- muss sich nicht mehr selber halten. Es folgt ein Abbau von Muskeln besonders in Bauch, Rücken, Enddarm und Sehnen und Knochen. Letztere werden steif
  • Organe werden dauerhaft bedrängt, auch durch den Muskelabbau
  • ständiger statischer Druck auf den Enddarm ausgeübt. Beim Sitzen ohne Hilfsmittel verändern wir intuitiv fortwährend unsere Sitzhaltung. Das ist besonders noch bei Kindern zu sehen, die noch nicht Konditioniert wurden auf Stühlen zu sitzen.
  • der Stoffwechsel und der Herzmuskel unzureichend bewegt
Seitdem Dr. Martin Oswald keine Stühle mehr nutzt, sogar zu Hause und in seiner Praxis, inklusive dem Wartezimmer, habe sich sein Wohlbefinden deutlich verbessert und durchweg positive körperliche Veränderungen ausgelöst³. Dr. Oswald operiert sogar im Stehen. Demnach sollte man auch am Schreibtisch stehend arbeiten.
„Die üblichen, auch altersbedingten Wehwehchen, die andere plagen, kennt er nicht. Wenn er morgens aufwacht, er schläft übrigens auf dem harten Boden, tun ihm die Gelenke nicht weh und er könne ohne die Hilfe der Hände einfach aufstehen.
,Vielleicht ist es das, was mich von manchen anderen Medizinern und Forschern unterscheidet – ich sage nicht nur, sitzen schadet, ich lebe auch danach', erklärt der Wissenschaftler, der auf Fachtagungen wie dem Venenkongress regelmäßig referiert."³
„Bewegung (...) sei auch wichtig, aber die durchs Sitzen ausgelösten negativen Veränderungen an der Haltung ließen sich durch Bewegung nicht rückgängig machen, warnt er.
Möglichst wenig zu sitzen ist die einfache, aber wichtigste Schlussfolgerung daraus. ,Einer, der wenig sitzt, wird wahrscheinlich wenig krank, aber wer ganz gesund bleiben möchte, dürfte gar nicht auf dem Stuhl sitzen', fasst er zusammen. Das wichtigste sei, dass man Falsches vermeidet und das Falsche sei der Stuhl, dann käme automatisch das Richtige heraus, erklärt er seine Lebensphilosophie."³
(Bild: ray-reyes-AVQc8i57qV4-unsplash)

In meinem Interview gibt uns Dr. Martin Oswald Tipps, wie wir wieder auf dem Boden sitzen können

Sebastian Both: 
Als Kinder sind wir es gewohnt auf dem Boden zu sitzen und zu spielen. Danach werden wir trainiert auf Stühlen zu sitzen.
Viele Erwachsene können gar nicht auf dem Boden sitzen und denken vielleicht es würde ihren Knien, Beinen oder Rücken schaden weil diese nach kurzer Zeit beginnen zu schmerzen. Wie würden Sie so jemanden anleiten wieder auf dem Boden sitzen zu lernen?
Dr. Oswald:
Ich würde damit anfangen erst einmal nicht auf dem Stuhl zu sitzen. Das verursacht schon selbst die Orientierung zum Boden, wenn man müde geworden ist. Anleitungen braucht die Anatomie bei keinem Lebewesen. Es steuert sich nach dem Bedarf. So ist auch einst der Mensch entstanden. Diese evolutionäre Kraft findet ihren Weg ohne Anleitung und Wissen. 
Sebastian Both: 
Ich, zum Beispiel, lehne mich dabei auch gerne an. Kann man das "Anlehnen auf dem Boden" als Zwischenschritt einbauen auf dem Weg zurück auf den Boden?
Dr. Oswald:
Alles ist recht was man ohne Stuhl tut. Bei jedem wird es unterschiedlich sein, da jeder individuell anders durch den Stuhl verändert worden ist. Somit sind Vorgaben und gut gemeinte Ratschläge zum "wie, wann und wie oft" nach meiner Ansicht im Prinzip falsch. Anlehnen - das muss man dann lernen, ist eine Art vermindertes Hilfsmittel, das man nach Möglichkeit meiden lernen sollte. 
Sebastian Both: 
Wie lange haben Sie für die Umgewöhnung vom Stuhl auf dem Boden gebraucht, d.h. ab welchem Zeitpunkt fühlte es sich für Sie angenehmer an auf dem Boden zu sitzen als auf dem Stuhl?
Dr. Oswald:
Nach 48 Jahren Stuhlsitzer-Leben sind es nun mal gerade 20 Jahre in die andere Richtung. Das heißt ich bin größtenteils noch ein Stuhlsitzer-Körper, der sich erst langsam wieder dorthin entwickelt, wie er wohl sein sollte. In den 20 Jahren habe ich viele harte Zeiten erlebt. Erste Gefühle der Bestätigung haben sehr lange auf sich warten lassen. Genau kann ich das nicht datieren. Kaum fühlte sich jedoch etwas besser an, erkannte ich auch weitere Defizite. Deshalb fühle ich mich jetzt nicht wirklich viel näher der Richtigkeit als früher, auch wenn ich es ganz sicher bin. Die Meldung "angenehm" ist eine nicht wirklich zuverlässige Orientierungsebene. Für den Stuhlsitzer muss sich die Veränderung, muss sich der Prozess der Veränderung sehr unangenehm anfühlen und das immer wieder, so lange, bis es richtig ist. Und das dauert.
Sebastian Both: 
Welche positiven Veränderungen haben Sie bei sich bemerkt, seitdem Sie wieder auf dem Boden sitzen?
Dr. Oswald:
Bei mir haben sich Beschwerden rückentwickelt: An Rücken, den Beinen, der Prostata sind sie verschwunden, andere sind nicht aufgetreten.
Sebastian Both: 
Im Fernsehen haben Sie von verschiedenen Körperhaltungen auf dem Boden gesprochen. Haben Sie eine Darstellung, welche als Inspiration für "Rückkehrer auf dem Boden" helfen kann? 
Dr. Oswald:
Alle Haltungen, die man beim kleinen Kind beobachten kann. Nummer 1 ist das aufrechte Stehen, das sich fast überall anwenden lässt. Das ist schon eine Haltung auf dem Boden, also mit dem Kontakt über die Füße. Nach Jahren des Stehens erst habe ich mich zudem mehr in Richtung Boden verlagert und habe so Kontakt nicht nur mit den Füßen, sondern mit Knien, Untersschenkel, Oberchenkel und "Sitzfleisch" zum Boden. Weiter kann man sich auch hier am Kleinkind orientieren. Man nehme dessen Bemühungen auf die Beine zu kommen und drehe sie einfach um... 
Herr Dr. Oswald, ich bedanke mich für Ihre Zeit und das Teilen Ihrer besonderen Erfahrungen mit mir und den Lesern.

Zusammenfassung: Auf dem Boden sitzen oder am Schreibtisch stehend arbeiten!

Boden sitzen
Durch Dr. Oswald habe ich gelernt, das nicht Sitzen ungesund für unseren Körper ist ist, sondern das Sitzen auf Möbeln, sprich Stuhl, Couch und Sessel.
Er konnte seine anfänglichen Vermutungen durch mehrere Reisen nach Äthiopien bestätigen.
Seitdem er selber auf den Boden zurückgekehrt ist, sind seine Hämorrhoiden verschwunden und er fühlt sich flexibler und wohler in seinem Körper.
Nach seiner Auffassung ist bereits das Stehen eine Rückkehr auf den Boden und somit wäre es gesünder am Schreibtisch stehend zu arbeiten als auf dem Stuhl zu sitzen. 
Bodentisch Essen
Ich selber esse bereits auf dem Boden. 
Darüber hinaus werde ich durch dieses neue Wissen versuchen auch auf dem Boden zu arbeiten.
Mein Yogi-Tisch ist dabei von Nutzen. Auf ihm kann ich meinen Laptop abstellen.
Oder ich arbeite direkt im Stehen, indem ich ihn auf einen normalen Tisch stelle.
 
Quellen:
Autor[Jahr]: Titel: Internetlink [Zugriff am ...]
¹ SWR1 Leute[24.07.2019]:Sitzen ist das Grundübel unserer Zivilisation | Arzt und Chirurg Dr. Martin Oswald | SWR1 Leute: https://www.youtube.com/watch?v=zppHgT1QAaE [28.03.20.20]
² wikipedia: Prämenstruelles Syndrom: https://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%A4menstruelles_Syndrom [28.03.2020)
³ mpk[07.05.2019]: Martin Oswald im GesprächArzt weigert sich, zu sitzen: "Stühle machen uns schwer krank": https://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/martin-oswald-im-gespraech-arzt-weigert-sich-zu-sitzen-stuehle-machen-uns-schwer-krank_id_10666480.html [28.03.2020]
Außerdem:
Wissenschaftliche Studie zum Zusammenhang Sitzen <-> Erkrankungen:
Prof Ulf Ekelund, PhD 
Jostein Steene-Johannessen, PhD
Prof Wendy J Brown, PhD
Morten Wang Fagerland, PhD
Prof Neville Owen, PhD
Kenneth E Powell, MD
Prof Adrian Bauman, PhD
Prof I-Min Lee
for theLancet Physical Activity Series 2 Executive Committe†
theLancet Sedentary Behaviour Working Group† [27.07.2016]:
"Does physical activity attenuate, or even eliminate, the detrimental association of sitting time with mortality? A harmonised meta-analysis of data from more than 1 million men and women"
https://www.thelancet.com/pdfs/journals/lancet/PIIS0140-6736(16)30370-1.pdf [28.03.2020]